08.11.2005 Ein Scheibchen mehr für die Astrologie

Dem Ruf eines archäologischen Sensationsfundes und der Singstimme meiner Freundin Evaluna bin ich am Dienstag, dem 8. November 2005 in das Naturhistorische Museum Wien gefolgt.
Dort fand ich mich in einem überfüllten Vortragssaal wieder, in welchem namhafte Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik die Bedeutung dieses Sensationsfundes mit durchwegs echter Begeisterung würdigten – wovon spreche ich?

Von der Himmelsscheibe vom Mittelberg bei Nebra im heutigen Sachsen-Anhalt.

Die Sensationsbotschaft an diesem Abend lautete im Kern etwa so: unsere bronzezeitlichen Vorfahren vor etwa 3600 Jahren waren nicht nur kulturlose Bauern, sondern auch himmelskundige Kunstfertige in einem wirtschaftlich und geistig vernetzten Europa.
Die Fachwelt freute sich sehr über diese Erkenntnis, welche sie den auf der Himmelsscheibe dargestellten astronomischen Gegebenheiten verdankte und mittels derer sie eine Vorstellung vom geistigen Weltkonzept des bronzezeitlichen Europäers zu erhalten glaubte.
Die Himmelsscheibe von Nebra zeigt mit dem Sichelmond den Plejadenuntergang am 9. März und mit dem Vollmond ihr letzte Sichtbarkeit am 17. Oktober an. Zudem markieren die Anfangs- und Endpunkte der Bögen auf der Scheibe die Tage der Sommer- und Wintersonnenwende.
Die Forscher gehen davon aus, dass die Scheibe benutzt wurde, um den bestmöglichen Zeitpunkt der Aussaat wie auch der Ernte zu bestimmen – kurz: die Rahmendaten des bäuerlichen Jahres.

Das würde bedeuten, dass bereits der bronzezeitliche Bauer vom Mittelberg bei Nebra um den Zusammenhang zwischen dem Wachstum seines Samenkorns und dem Stand von Mond und Plejaden wusste. Anders gesagt ließ er sich also bei seiner Überlebenssicherung von den Sternen leiten und ordnete sein Tun in einen größeren Geschehnisrahmen ein.
Was aber haben denn nun Mond- und Plejadenstand mit dem Wachstum und der Ernte von Feldfrüchten zu tun, wäre konsequent gedacht die nächste Frage?

Nun, so genau wurde dem neu errungenen Weltbild unserer Ahnen dann doch nicht auf den Grund gegangen, denn das hieße ja, die kausal-wissenschaftlichen Gefilde zu verlassen und das in den Augen Vieler unsichere Terrain der Erfahrungs- und Entsprechungslehren zu betreten.
Was die Referenten allerdings unausgesprochen ließen, das blieb in der Luft liegen an diesem Novemberabend und die Antennen von niemand geringerer als Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer waren auf Empfang gestellt.
Die Frau Minister begrüßte als letzte Festrednerin, fasste gekonnt das bisher Gesagte zusammen, spannte den Bogen zu ihrem Ressort und erklärte – bevor sie schließlich die Ausstellung eröffnete - den gewaltigen Besucheransturm auf die Himmelsscheibe mit der zunehmenden Bedeutung und Beliebtheit der Astro-LOGIE.

Genau, sie sagte Astro-LOGIE. Und zu Recht.
Der bronzezeitliche Europäer betrachtete den Himmel, um etwas über die Qualität der in der Natur und im Kosmos wirksamen Kräfte zu erfahren. Und noch viel wichtiger, er richtete sein Tun und Sein an diesen Erfahrungen aus. Weil er um den Erfolg wusste.
Davon gibt die Himmelsscheibe von Nebra Zeugnis.

Und ist uns Mahnung in einer Zeit der Entgleisungen, uns wieder der größeren Zusammenhänge, in die wir eingebettet sind, zu erinnern und uns an ihnen zu orientieren, wie es vor langer Zeit schon unsere Vorfahren getan haben.
Nur allzu schade ist daher, dass jene königliche Disziplin, welche diese Zusammenhänge schon seit mehr als 5.000 Jahren erforscht und uns die allerbeste Orientierung bieten könnte, an diesem Abend nicht vertreten war. Gerne hätte auch sie die Bedeutung der Himmelsscheibe gewürdigt. Bei unseren Ahnen war sie beliebt, die Lehre des „Wie oben - so unten“ und ist es wieder, 3600 Jahre später – glaubt man den Worten unserer Frau Minister.

Gut so, denn Orientierung hat Mensch in Raum und Zeit seit je her nötig.

© Mag. Claudia Dorfmeister

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